Satire?

In seiner Abhandlung über den Witz hat Sigmund Freud den Unterschied zwischen „tendenziösen“ und „tendenzfreien“ Witzen verdeutlicht: Während erstere dritte Personen herabwürdigen bzw. dem Spott preisgeben, fehlt diese Absicht erkennbar in den „echten“ spaßigen Bemerkungen, die auf Wortwitz oder beispielsweise heiteren Vergleichen basieren. (Mehr dazu in meinem Buch „Heilkraft Humor“.)

Früher haben verbale – oder auch manifeste – Gewalttäter sich mit „War doch nur Spaß!“ herauszureden versucht, wenn man ihnen Grenzen gesetzt hat. Heute berufen sie sich auf „Satire!“ und zeigen damit nur ihren mangelnden Mut, zu ihrer niederen Gesinnung zu stehen (und manchmal auch nur Einfallslosigkeit, welche ich bei nachfolgenden Beispielen vermute) […]

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Binäres Denken

Traditionellerweise werden wir erzogen, in „richtig“ oder „falsch“ zu denken und so entsteht die Bildung von ideologischen Lagern, Feindbildern wie auch Hass und Krieg. In meiner Facebook-Echokammer formiert sich derzeit ein solch Lager mit dem Banner „evakuieren JETZT!“ (einer meine Söhne ist auch dabei) und meint damit die „anderen“ Lager – die in Griechenland. Als Ausdruck persönlicher Positionierung finde ich das wichtig – als „psychologische Kriegsführung“ aber nicht. Das habe ich bereits im September in meinem „Brief gegen Gewalt Nr. 68“ ausformuliert.

Es gibt nämlich auch andere – „dritte“ (und noch mehr) – Lösungen, weniger spontan-kindliche („Papa“ – Vater Staat – „soll“ …). Eine habe ich im Brief 68 aus meiner Familiengeschichte angeführt […]

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30 Jahre Frauenministerium

Es war der 17. Dezember 1990, an dem Johanna Dohnal (1939–2010) als Frauenministerin angelobt wurde. Seitdem haben viele Frauen – und gelegentlich auch Männer (Herbert Haupt 2000–2003 in der schwarz-blauen Koalititon unter Wolfgang Schüssel und ab und zu vertretungsweise wenige Wochen Werner Faymann, Josef Ostermayer, Alois Stöger und einen Tag sogar Sebastian Kurz (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_österreichischen_Frauenministerinnen) – versucht, in den von ihr so gar nicht freiwillig zurückgelassenen großen Schuhen Fuß zu fassen, denn, wie die erste Gleichbehandlungsanwältin Ingrid Nikolay-Leitner im Interview anlässlich ihres Pensionsantritts konstatierte: „Sobald man eine Pause einlegt, gibt’s schon den nächsten Rückschlag.“ (Der Standard, 14.05.2018) Nur: Gleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt es immer noch nicht, obwohl Nikolay-Leitner auch an dieser Stelle darauf hinwies, dass der Oberste Gerichtshof eindeutig festgestellt habe, dass der Arbeitgeber dafür verantwortlich ist, gleiche Leistung gleich zu bezahlen. „Die Verantwortung kann nicht den Frauen zugeschoben werden“ – beispielsweise mit dem Argument, sie würden halt schlecht verhandeln. Früher lautete das Allzeit-Argument, Männer müssten ja Familien erhalten (und oft genug mehrere) – wie wenn das etwas mit Arbeitsleistung zu tun hätte.

Wenn Frauen das Gleiche verlangten wie Männer, berichtete die Gleichbehandlungsanwältin, würde das als Anmaßung empfunden […]

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Religion ausüben – Religion bekennen

Der Verfassungsgerichtshof hat das Kopftuchverbot in Volksschulen als verfassungswidrig aufgehoben (Weltanschauliche Neutralität: VfGH hebt Kopftuchverbot auf – news.ORF.at), weil in eine beliebige Religion eingegriffen werde, und das widerspräche der weltanschaulichen Neutralität des Staates.

Religionsfreiheit umfasst nicht nur das Recht auf Ausübung der gewählten Religion (erweitert auf das Elternrecht zu religiöser Erziehung, was ich nicht unbedenklich finde, weil dadurch Kinderrechte massiv verletzt werden können, wie ich von Personen weiß, die sich z. B. von den Zeugen Jehovas trennen wollten), sondern auch das Recht ohne Negativfolgen zu bekennen. Wie man das macht, bleibt der Selbstbestimmung überlassen – aber wer ist der Träger der Selbstbestimmung? Der/die einzelne Gläubige – oder die Religionsgesellschaft? Die Gründerperson? Eine unveränderbar gesetzte Tradition? (Damit ist nur eine demonstrative Aufzählung gemeint, keine taxative!) Und: Wird das Recht auf Selbstbestimmung verletzt, wenn eine dominante Religion allen anderen Raum nimmt (z. B. an der Wand eines Klassenzimmers)? […]

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Meine Gegenforderung: Beihilfe zum Überleben!

Nun haben sich also die derzeitigen Mitglieder des Verfassungsgerichtshofs festgelegt: Das Verbot der Hilfe zum Selbstmord sei verfassungswidrig und werde per 31. Dezember 2021 aufgehoben (wörtlich zitiert nach Kurier, 12.12.2020, Seite 19).

Ich fände die Formulierung „Die Strafbarkeit der Beihilfe zum Selbstmord ist verfassungswidrig“ besser. Denn die Gegenteile zu Verbot sind Erlaubnis oder gar Gebot – und genau diese Sprachverwirrung kritisiere ich seit der Aufhebung der „Strafbarkeit“ der Abtreibung in den ersten 12 Schwangerschaftswochen durch die große Strafrechtsreform 1975, denn uns 6 Frauen vom „Komitee zur Abschaffung des § 144“ (im alten Strafgesetz) ging es nur darum. Alle anderen Behauptungen waren unfaire Gegenpropaganda.

Das Argument der Befürworter eines sogenannten Rechts auf selbstbestimmtes Sterben, mit dem sie ihre Kritiker emotional ansprechen, wurzelt zumeist im Hinweis auf das unerträgliche Leiden “austherapierter“ prämorbider Menschen. Das geht nahe: Man denkt unwillkürlich an das eigene Lebensende. Aber „prämorbid“ sind wir alle, egal wie alt wir sind. Gevatter Tod hält sich nicht an Alterslimits […]

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Freiheit der Kunst?

1928 stand der avantgardistische Architekt Adolf Loos (1870–1933) vor Gericht: Der angeklagte Strafrechtstatbestand umfasst den Vorwurf, er habe zwei (und noch weitere) Mädchen im Alter von 8–10 Jahren sexuell missbraucht (entkleidet, „gebadet“, in pornographischen Posen fotografiert, an den Genitalien massiert und geleckt; s. Christopher Long, „Der Fall Loos“ (Amalthea 2015) bzw. Affäre: Neue Details zum Pädophilieprozess um Adolf Loos | profil.at).

Der nicht nur wegen seiner puristischen Bauten sondern auch wegen seiner dandyhaften Kleidung berühmt gewordene Bau- und Einrichtungs-Schöpfer argumentierte in der Folge, er hätte die Mädchen nur zum Modell-stehen bezahlt, zu den „unsittlichen“ Berührungen sei es „unabsichtlich“ gekommen, weil er die Mädchen zu „Tanzposen“ angeleitet habe. Vermittelt hatte ihm die Kinder ein pensionierter Postunterbeamter, der in der Akademie der bildenden Künste sein schmales Einkommen als Modell aufbesserte und von Loos gefragt worden war, ob er nicht Mädchen dieses Alters kenne – nicht die Modell-Börse der Akademie (S. 80). Die bei ihm gefundenen Porno-Bilder wollte Loos aus dem Nachlass eines verstorbenen Literaten als „Geschenk“ bekommen haben. Dass dies Peter Altenberg gewesen sein könnte, wie medial vermutet wurde, bestritt Loos vehement – obwohl der 1915 schrieb „Eine Frau ist immer zu alt, aber nie zu jung! Das Gesetz schreibt uns vor: von vierzehn an! Aber das Gesetz ist nicht von Künstlern entworfen. Unser Geschmack sagt: In jedem Alter, wenn du nur sehr schön bist!“ (S. 85) […]

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Struktureller Sexismus

Als ich 1968 als volkswirtschaftl. Referentin in der Oesterreichischen Nationalbank zu arbeiten begann, gab es dort ein eigenes Frauen-Gehaltsschema, das deutlich unter dem der Männer lag.

Meine späterer Ehemann, damals Redakteur im ORF Wien mit einem täglichen Kommentar um 12.05 Uhr, widmete dem einen Text, nachdem er mich kennengelernt hatte: „In der OeNB bestimmt der Gynäkologe das Gehalt!“

In guter österreichischer Tradition wurde dann sofort wutentbrannt nach dem „Verräter“ gesucht – an mich, damals noch „graues Mäuschen“ aber bereits frauenpolitisch aktiv, dachte niemand. Nicht auszudenken, wenn aber doch …

Franz Vranitzky, damals der SPÖ-Fraktionsführende (und zeitweise mein Zimmergenosse – er hatte Nordamerika, ich hatte Südamerika zu bearbeiten), war es zu verdanken, dass wir Jahre später ins Männerschema „übergeführt“ wurden – aber nicht etwa „Frauen Stufe 7“ der Verweildauer entsprechend in „Männer Stufe 7“, sondern in „Frauen Stufe 7 entspricht finanziell Männer Stufe 2 – dort gehören‘s hin, de Weiba!“ […]

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Angstmache

Da plante doch gestern ein Verwandter hoffnungsfroh, was er alles vorhabe, wenn der „Corona-Spuk“ vorbei sei – und ich sagte sofort, das Wort „Spuk“ sei unpassend und er solle meine Wahrnehmung nicht verwirren.

Unter Spuk versteht man laut Wikipedia eine „nicht wissenschaftlich erklärbare unheimliche Erscheinung“ (Spuk (Erscheinung) – Wikipedia). Das „Phänomen“ Corona hingegen ist naturwissenschaftlich erklärbar – es ist ein biologisches Faktum. Dass es manchen Menschen „unheimlich“ vorkommt, d. h. keine „heimeligen“ Gefühle auslöst, ist deren individuelle Reaktion – und die basiert beispielsweise auf der Suggestivwirkung der Wortkombination von Corona mit Spuk, und genau deswegen kritisiere ich diese.

Viele Menschen sind der Meinung, dass Gefühlsreaktionen spontan und naturgegeben ablaufen und man ihnen daher machtlos ausgeliefert sei. Das stimmt nicht – man ist es nur solange, bis man weiß, dass eine Emotion – eine körperlich spürbare Stimmungsveränderung – erst durch die jeweilige Namensgebung zu einem „Gefühl“ wird. Dann kann man nämlich zwischen Gefühlsbezeichnungen wählen. Ich vergleiche dies gerne mit dem Würzen einer Speise: Auch hier können wir die Dosis bestimmen oder auch Gewürze austauschen oder gar weglassen und damit unsere Geschmackswahrnehmung verändern […]

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Verlorener Advent

Meghan Markle hat einen Abortus erlitten und trauert – mit ihrem Mann an ihrer Seite, und sie schreibt darüber. Sie schreibt, dass es ihr helfe, wenn Menschen fragen „wie es einem von uns geht, und wenn sie wirklich mit offenem Herzen und offenem Verstand auf die Antwort hören.“ (Salzburger Nachrichten, 26.11.2020, Seite 16).

Wer liebt, trauert – besonders dann, wenn freudig etwas erwartet wird. Etwa ein Kind. Das bedeutet ja auch Advent: Warten, dass „es“ naht. Ankommt.

Das Wesentliche in dem Bericht, aus dem ich zitiere, ist die Betonung des schweigenden Zuhörens. Ich weiß von vielen meiner Klientinnen, wie sehr es sie verstört hat, wenn sie mit versuchten Trostworten „zugedeckt“ wurden. So erzählte mir eine Klientin, wie ihre Schwiegermutter ins Spital kam, ihr kurz den Kopf tätschelte und „Das wird schon wieder“ sagte und dann von ihren eigenen Befindlichkeiten zu reden begann. Ich erinnere mich auch daran, wie mir der diensthabende Arzt, als ich nach meinem ersten Abortus im Spital lag – in einem Dreibettzimmer mit zwei Frauen, denen die Gebärmutter entfernt worden war – ohne vorheriges Gespräch als erstes sagte, „Seien Sie froh – Sie haben schon zwei Kinder, andere haben gar keine!“ Gottlob kam kurz darauf mein Gynäkologe, und der sagt nur leise „Es tut mir leid!“ und ich spürte, dass das wahr war. Er konnte mit Leiden umgehen – er hielt es aus, mit mir solidarisch zu sein.

Ich werde oft gefragt, „Was sagt man?“, wenn es um die Begegnung mit Menschen geht, die einen Verlust zu betrauern haben. Ich antworte dann immer „Nichts!“ […]

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Werbung

Da wollte ich kürzlich mehr über eine mir unbekannte Person wissen, die mich um Rat gefragt hatte, und erkundigte mich, ob sie eine Homepage habe. Daraufhin bekam ich den Link zu einer Website eines Hofes mit Gästezimmern, und als ich monierte, ich (als bekannte Nesthockerin) wäre keine Zielgruppe für diese „Werbung“, folgte die Rückmeldung, man hätte Werbung nicht nötig …

Nun sehe ich jede Homepage als quasi Schaufenster und daher Werbung – und zur Werbung im weitesten Sinn gehört ja auch, wie man sich kleidet, wie man spricht – überhaupt alles, womit man sich anderen präsentiert: Man gibt ja immer „Informationen“ von und über sich.

Grobes Verhalten etwa entspricht der Botschaft „Lass mich in Ruhe!“ oder „Wage es nicht noch einmal, dich mir zu nähern!“ bzw. „nicht achtsam / respektvoll / devot genug“, oder „zum falschen Zeitpunkt“ (etwa, wenn man sich im Stress befindet „Siehst du nicht, dass ich jetzt nicht kann!“). Natürlich könnte man das auch sanfter, selbst respektvoller formulieren und intonieren – wenn man sich die Zeit nehmen wollte, zu überprüfen, was da gerade aus dem eigenen Inneren herausströmt. Wenn man jemand umwirbt, tut man das ja auch (außer man hat es noch nicht gelernt) und verbessert es … und wenn man sich das nicht zutraut, „kauft man es zu“ – so wie der schöne aber unbegabte Christian de Neuvillette, der sich seine Liebebriefe an Roxane vom begnadeten Dichter aber durch eine Riesennase verunstalteten Cyrano de Bergerac „ghostwriten“ lässt, der sie ebenfalls anbetet, aber bescheiden sein Inkognito wahrt […]

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